Mit Sören am Buffet

Es gibt süße, nette, putzige Kinder und es gibt Sören. Bei vielen Kindern hätte man darüber lächelnd hinweggesehen, wenn sie wild vor einem herum zappeln und hampeln. Nicht jedoch bei Sören. Sören ist ungefähr sechs Jahre, einmeterfünfundzwanzig groß und schätzungsweise ebenso breit. Die wulstigen Lippen in seinem von der Sonne verbrannten und mit Sommersprossen durchfluteten Mondgesicht formen sich zu einem fratzenhaften Lachen, während er grobmotorisch wild hin und her hüpft und dabei in regelmäßigen Abständen mit voller Wucht auf meinen Füßen landet.

Sören macht Urlaub. Das an sich ist ja nicht schlimm und ihm sowie vor allem seiner Umwelt zu Hause auch irgendwie zu gönnen. Das Fatale daran ist jedoch, dass er diesen – zusammen mit Sören-Mama und Sören-Papa – im selben Hotel wie ich verbringt und momentan direkt vor mir in der Schlange des Buffets läuft, oder besser gesagt: rollt. Nicht nur, dass mir sein Rumgezappel mittlerweile mächtig auf den Geist geht und meine Zehen zu schmerzen beginnen, es beschleicht mich auch noch der böse Verdacht, das Buffet mit leerem Teller verlassen zu müssen.

Generell bin ich Buffets gegenüber eher skeptisch eingestellt. Ich mag es nicht, mein Essen mit Hunderten fremder Leute zu teilen, die Bakterien, die sie beim Entlangmarschieren an den Essenstheken wild um sich schleudern, zu mir nehmen zu müssen und von allen Seiten mit oberflächlichem Small-Talk über das Wetter, das Essen und den dadurch hervorgerufenen Durchfall am Vortag belästigt zu werden. Man mag mir ruhig Gleichgültigkeit meinen Mitmenschen gegenüber vorwerfen, aber ich bin grundsätzlich nicht im Geringsten an Vorgängen in Magen-Darm-Trakten Anderer interessiert.

„Und wie toll Du geschwommen bist! Wer so gut schwimmen kann, hat sich sein Abendessen redlich verdient!“. Ich überlege ernsthaft, ob ich einschreiten und Sören-Papa energisch widersprechen soll. Ich habe bis heute Nachmittag, als Familie Sören neben mir am Pool weilte, noch nie ein Kind erlebt, welches im Wasser sogar mit Schwimmflügeln untergeht. Statt der Flügel würde ich es in diesem buchstäblich schweren Fall lieber mit zwei an die Arme geschnallten Drei-Mann-Schlauchbooten versuchen.

Während ich mir vorzustellen versuche, wie dieser Fleischklops mit den Schlauchbooten am Arm wohl aussehen würde, ertönt vom anderen Ende des Speisesaals ein ohrenbetäubendes Kreischen: „Sööööööööööööööööööööööören!“.

Sören-Mama hat es sich bereits an einem Tisch gemütlich gemacht und bevorzugt, anstatt aufzustehen und Sören direkt und leise anzusprechen, den umständlichen und lauten Weg der Kommunikation quer durch den ganzen Saal: „Iss nicht wieder so viel Pommes, davon bekommst Du nur Blähungen!“ ertönt es für alle gut hörbar. Danke, Sören-Mama. Genau diese Info wollte ich haben!

Endlich bei den Pommes angekommen, beginnt Sören aufzuladen. Er nimmt eine Zange voll, eine Zweite, eine Dritte, eine Vierte. Nach der Siebten kann ich mich nicht mehr zügeln und wage es, Sören direkt anzusprechen und ihn auf die vorhin geäußerte Bitte seine Mutter hinzuweisen. Nicht, dass mir das persönliche Wohlergehen dieses Moppels auch nur annährend am Herzen liegen würde, ich will lediglich ein paar Pommes abbekommen.

Dann geht alles sehr schnell: Sören schaut mich an, wird knallrot und beginnt heftigst zu weinen. Sören-Mama kommt auf mich zugestürmt, positioniert sich in der Haltung einer Kampfhenne vor meiner Nase und kreischt etwas von „Unverschämtheit“ und „Einmischen in Angelegenheiten, die Sie nichts angehen“.

Sören-Papa steht derweil rat- und beteiligungslos daneben und beschäftigt sich in seiner Verlegenheit mit dem Aufladen von Nudeln.

Noch ehe ich auch nur „Äh“ sagen kann, schnappt sie sich Sörens Teller und befüllt diesen mit weiteren Pommes-Ladungen. „So, Sören. Schön essen, damit Du groß und stark wirst – und Pommes magst Du doch eh so. Was der böse Mann sagt, kann Dir egal sein!“. Die Blicke des Zaunpublikums sind in diesem Moment allesamt auf mich gerichtet.

Tja Sören, wenn du später einmal keine abbekommst und für die Frauenwelt bestenfalls der Typ Kumpel sein wirst, dann bedank dich bei deiner tollen Mutter.

Mit den letzten kleinen und verbrannten Überresten der Pommes-Schüssel auf dem Teller gehe ich genervt weiter zur Salatbar. Mein Glück ist, dass Sören natürlich nichts mag, was auch nur annährend gesund sein könnte und ich nun endlich meine wohlverdiente Ruhe vor dem Moppel habe.

Freie Bahn… Fast! Ich ziehe an der Salatbar an einer Rentnerin vorbei, bei der ich mir nicht sicher bin, ob sie überhaupt noch lebt oder bereits in die Rigor Mortis verfallen ist. Von mir überholt zu werden scheint jedoch eine reanimierende Wirkung auf die ältere Dame auszuwirken.

„Junger Mann, haben sie keinen Respekt vor dem Alter?“.

Ich habe tiefsten Respekt vor dem Alter. Erst recht vor Vertretern der Kriegsgeneration. Aber müssen sie uns im ersten Satz stets sagen, dass früher doch alles besser war, um sich gleich darauf mit einem: „Ihr wisst gar nicht, wie gut ihr es heute habt“ selbst zu widersprechen? Und müssen sie am Buffet ihre Teller so überladen, als gäbe es ab morgen den nächsten Weltkrieg und somit nichts mehr zu essen?

Ich entschuldige mich höflichst dafür, dass ich keinen Krieg miterleben musste und laufe weiter.

Dank des nachfolgenden, lautstarken Monologs der alten Dame über die respektlose Jugend und den Verfall der Sitten scheine ich mir nun endgültig den nötigen Respekt verschafft zu haben, der mir zusteht. Die Aufmerksamkeit der wenigen Leute im Raum, die von der Sören-Sache nichts mitbekommen haben, ist mir nun auch sicher: Eltern ziehen ihre Kinder dicht an sich heran, um sie vor mir zu beschützen und allenthalben schüttelt man fassungslos den Kopf, während ich gemütlich das Buffet entlang schlendere und meinen Teller belade.

Recht zufrieden mit der Essenszusammenstellung halte ich Ausschau nach einem freien Platz.

Siehe da: neben dem kleinen, fetten Sören ist noch ein unbesetzter Stuhl. Nicht mehr lange! Ich weiß zwar noch nicht genau wie, aber die Rache ist mein…