Die Aphoristik ist ein Stiefkind der Literatur. Dabei passt sie ganz genau in die heutige Zeit: Mit wenigen Worten originelle Sprüche produzieren, die gleichzeitig das eigene Nachdenken aktivieren.
Einer, der das offenkundig mit großer Begeisterung tut, ist Detlef Träbert. Sein neuestes Buch heißt „An der DenkBAR“ *). Es vereint rund 600 „Sprüche“, die sich aktuellen Themen unserer Zeit widmen: Freiheit, Krieg und Frieden, Demokratie, Medienwelt, Zeitgeist, Weltanschauung – Träbert schaut dem Leben auf die Finger.
Ein Problem ist dabei nur, dass kaum jemand weiß, was Aphorismen sind. Bei Wikipedia kann man lesen, dass ein Aphorismus ein „selbstständiger einzelner Gedanke, ein Urteil oder eine Lebensweisheit“ sei, die aus einem oder wenigen Sätzen besteht. Doch das klingt noch sehr abstrakt. Der Aphorismus ist kurz – er ist die kürzeste aller literarischen Prosagattungen. „Der Romancier ist Erzähler, der Poet Dichter und der Aphoristiker Verdichter“, heißt es im Buch auf S. 19. Die Nachricht über ein besonderes Verkehrs-Chaos, die in der Zeitung einen kurzen Artikel von acht Zeilen beansprucht, wird im Aphorismus zu einem Minimaltext, etwa: „Im Stau steht man nicht – man wird gestanden“ (S. 93). Dieser Satz hat zwar keinen Informationswert wie die Zeitungsnotiz, aber er provoziert das Nachdenken: Kann „stehen“ überhaupt eine Passivform haben? Einen „gestandenen Mann“ kennt man ja, aber einen, der gestanden wird? Wieso steht man im Stau nicht – das ist doch der Charakter eines Staus, dass man stehen muss. Ja, doch, man wird im Stau zum Stillstand gezwungen, aber das ist doch kein richtiges Deutsch, dieses „man wird gestanden“ …
Weil Aphorismen oft einen solchen Gedankenwirbel auslösen, denkt man über sie meist länger nach als über die Zeitungsnotiz. Sie sind Gedanken, Urteile oder Lebensweisheiten und werden mit besonderen Stilmitteln formuliert:
- Gegensatzpaare: „Scharf nachzudenken verringert die Neigung zu stumpfer Gewalt“ (S. 101) vereint „scharf“ und „stumpf“ in einem Satz.
- Doppeldeutigkeit einzelner Begriffe: „Ich vermag es nicht, die nackte Wahrheit auszusprechen – ich muss sie immer in Worte kleiden“ (S.20).
- Ironie: „‘Das Haupt‘ wird als Begriff zunehmend falsch, denn immer mehr Menschen setzen ihren Kopf nur noch als Display-Assistenten ein“ (S. 105).
- Wortspiel: „Mit Sorgfalt zu erziehen ist ohne Sorgenfalten nicht möglich“ (S. 113).
- „Alogismus“ (= Unlogik): „Wer für andere die Kohlen aus dem Feuer holt, sollte sich vergewissern, ob sie nicht mit Gas heizen“ (S. 51).
Aphoristikerinnen und Aphoristiker spielen also gerne mit der Sprache. Das tun sie schon seit der Antike, man denke nur an die medizinischen Aphorismen von Hippokrates, etwa „Den Leib soll man nicht schlechter behandeln als die Seele“ oder „Durch Enthaltsamkeit und Ruhe werden viele Krankheiten geheilt.“ Vor rund 150 Jahren formulierte Marie von Ebner-Eschenbach Aphorismen, die zum Teil heute noch aktuell klingen, etwa: „Eine gescheite Frau hat Millionen geborener Feinde: alle dummen Männer.“ Oder: „Es gäbe keine soziale Frage, wenn die Reichen von jeher Menschenfreunde gewesen wären.“
Viele derer, die heutzutage Aphorismen schreiben, sind im DAphA organisiert: Deutsches Aphorismus-Archiv (www.dapha.de). Auch DenkBAR-Autor Detlef Träbert ist Mitglied dort und pflegt den anregenden Austausch mit anderen zeitgenössischen Aktiven des Genres. So sind im Laufe der Zeit seine insgesamt vier Aphorismenbücher entstanden. Es gibt eben Menschen, denen das stammtischmäßige Lästern über die Probleme unserer Zeit keinen Spaß macht, das literarische Verarbeiten in coolen Sprüchen jedoch durchaus.
Geld kann man mit dieser Art von Literatur allerdings kaum verdienen – wer hat schon Aphorismenbücher zu Hause? Wer hat schon eine Aphorismenlesung besucht? Aber gerade Träberts aktuelles Buch „An der DenkBAR“ zeigt, wie anregend es ist, nachzudenken, zu bewerten, abzuwägen, zu philosophieren, zu kommentieren und zu karikieren. Die Aphoristik ist eine absolut unterbewertete Literaturform und wird in heutiger Zeit angesichts der Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) immer wichtiger. Sonst lesen wir bald nicht mehr, sondern werden gelesen …
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*) Detlef Träbert: An der DenkBAR. Erfrischende Gedanken-Cocktails. Deep Thought Hopping mit Aphorismen, Dreieich (MEDU Verlag) 2026, 152 S., € 14,95 (ISBN 978-3-96352-159-1)
Weitere Informationen gibt es auf
www.schubs.info/aphorismen/

