Verkehrskontrolle

Alles begann damit, dass ich eines Abends gemütlich mit meinem kleinen, zugegebenermaßen schon etwas älteren und nicht mehr ganz frisch aussehenden, Polo von der Arbeit nach Hause fahre. Es war bereits dunkel, die Straßen relativ leer und meine Stimmung typisch feierabendlich. Doch zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass sie sich sogar noch um Einiges steigern würde.
Ich fahre also so vor mich hin, in einen Rundverkehr, als mir ein Grün-weißer Partybus hinter mir auffällt. Anscheinend fühlte sich der Arm des Gesetzes irgendwie durch mein radkappenloses und etwas verbeultes Auto angezogen, jedenfalls hielten mich diese lustigen Leute kurz darauf an.
Ich weiß nicht genau, auf was die beiden (ein etwas debil aussehender Mann und eine ziemlich attraktive Frau) spekulierten, doch war ihnen die Enttäuschung sofort anzusehen, als ich meinen 1,90m-Körper – standardmäßig im Anzug – aus diesem Vehikel herausbewegte.
Natürlich konnten meine Peiniger nicht unverrichteter Dinge wieder abdüsen (obwohl es den Anschein machte, als wenn sie jetzt schon Lust darauf gehabt hätten), folglich entwickelte sich dieses Gespräch:
Polizist1: Haben Sie Alkohol konsumiert?
Ich: „Nein, ich komme gerade von der Arbeit.“
P1: „Das ändert nichts an meiner Frage.“
Ich: „Für gewöhnlich nehme ich während meiner Arbeitzeiten keinen Alkohol zu mir. Sind Sie das etwa anders gewöhnt?“
Mein Grün-weißer Freund war sichtlich am Nachdenken, ehe er die Spitzfindigkeit zu entdecken schien. Anscheinend regte dies seinen Ehrgeiz an, mir auch eins auszuwischen.
P1: „Naja, könnte ich dann mal Ihren Führerschein und Ihre Fahrzeugpapiere sehen.“
Ich: „Ja, können Sie.“
Schweigen…
P1 (räuspert sich): „Wollen Sie mir die auch zeigen?“
Ich: „Hmm…wenn Sie mich so fragen…“
P1: „RAUS DAMIT! LOS!“
Da mein postlobotomischer Freund anscheinend etwas gestresst war, überreichte ich ihm mit breitem Lächeln die tadellosen Papiere. Er vertiefte sich ungefähr fünf Minuten darin und stellte verschiedene, aber stets gleichsam stupide, Fragen:
P1: „Das hier ist also ein Polo?“
Ich: „Nein, das ist eigentlich ein Rolls Royce, aber ich habe da eine Tarnkarosserie…“
P1: „Jaja, und dieser Führerschein gehört auch wirklich Ihnen?“
Ich war kurz davor zu sagen, dass ich ihn vom Weihnachtsmann geklaut hätte, doch das hätte das Gespräch vielleicht vorzeitig beendet und mich in ein Gebäude gebracht, wo ich an dem Tag ganz sicher nicht mehr hinwollte.
Nachdem mein Freund und Helfer endlich seine ergebnislose Arbeit beendet hatte, forderte er mich dazu auf, ihm auch Verbandskasten und Warndreieck zu zeigen. Ich ging also zielstrebig zum Kofferraum, öffnete ihn und holte einen funkelnagelneuen Verbandskasten heraus. Als ich schließlich auch das Warndreieck aus seinem neuen Karton befreien wollte, vernahm ich lediglich ein: „Lassen Sie mal.“ Ich hatte also gesiegt.
Doch so leicht ließen sich meine beiden Gefährten (immerhin hatte ich inzwischen schon eine geraume Zeit mit ihnen verbracht) nicht entmutigen:
Polizistin2: „Haben Sie Alkohol konsumiert?“
Ich: „Ich habe Ihnen doch bereits vorhin gesagt, dass ich gerade von der Arbeit komme.“
P2: „HABEN SIE ALKOHOL KONSUMIERT?“
Ich kam mir langsam vor wie im Fremdsprachenunterricht für Sextaner – immer alles wiederholen und dabei am besten so laut wie möglich.
Ich: „NEIN, HABE ICH NICHT.“
P2: „SCHREIEN SIE NICHT SO!“
Ich: …
P2: „Sind Sie sicher, dass Sie keinen Alkohol konsumiert haben?“
Spätestens jetzt wusste ich, dass 2 Brötchenhälften definitiv nicht zum Denken geeignet sind.
Ich: „Natürlich bin ich mir sicher.“
P2: „Können Sie dann mal hier in das Röhrchen blasen?“
Etwas irritiert starrte ich sie an. Hatte sie mich nicht eben zweimal gefragt, ob ich Alkohol getrunken hätte? Und hatte ich nicht gerade zweimal verneint? Doch die Show sollte weitergehen. Während ich mich also aufs Blasen vorbereitete, sah ich der Polizistin dabei zu, wie sie verzweifelt versuchte, die Hygienekappe des „Röhrchens“ zu entfernen. Das Röhrchen sah eigentlich vielmehr nach einem Flachmann mit Polizeilogo aus, was mich wieder an den ursprünglichen Zweck dieses kleinen, aber feinen Teilchens erinnerte. Nach langem Ziehen und Zerren hielt sie mir schließlich das Ding vor den Mund. Da ich anscheinend einen stark betrunkenen Eindruck vermittelte, hielt sie während meines Blowjobs den Flachmann weiter. Ich pustete ungefähr eine halbe Ewigkeit hinein – es folgte eine weitere halbe Ewigkeit.
Während ich mich also abmühte wie ein untrainierter Marathonläufer fiel mir ein Krankenwagen auf, der – mit Blaulicht! – die Straße heruntergeschlichen kam, um schließlich neben dem Polizisten zu halten. Zunächst ging ich davon aus, dass nun auch der Krankenwagenfahrer mit nervigen Fragen gequält werden sollte, doch es stellte sich heraus, dass er selbst ein Problem hatte – anscheinend war ihm der Einsatzort nicht wirklich bekannt. Belustigt und gleichzeitig mit dem Tod durch Hyperventilieren ringend bekam ich also mit, wie ein Krankenwagen auf dem Weg zu seinem Bestimmungsort die geographischen Kenntnisse eines Polizisten in Anspruch nehmen musste. Nach eigener Erfahrung mit diesem Spaßvogel war allerdings abzusehen, dass der Verwundete lange auf den Krankenwagen würde warten können.
Endlich hatte ich meinen Lungenfunktionstest bestanden und alle Anwesenden warteten gebannt auf das Ergebnis, wobei ich den Polizisten dabei beobachtete, wie er ununterbrochen von einem Bein aufs andere sprang. Entweder sah er nun seine Chance, mich doch einbuchten zu können oder aber er musste dringend mal für kleine Wachtmeister. Ich konnte zwar selbst die Anzeige nicht sehen, doch die entmutigten Gesichter der beiden verrieten mir, dass ich soeben auch das Finale gewonnen hatte und nun meinen Pokal entgegennehmen konnte. Dies wurde auch schließlich nach einigem Zögern von den Verlierern eingestanden:
P1: „Sie haben 0,0 Promille.“
Ich: „Das hab ich Ihnen ja gleich gesagt. Aber machen Sie sich nichts draus, vielleicht beim nächsten Mal.“
Das Blitzen in seinen Augen verriet mir, dass er gern auf mein Mitleid verzichtet hätte, doch ich beschloss meinen Triumph zu feiern:
Ich: „Sie sind hier und heute sang- und klanglos untergegangen. Sind Sie enttäuscht von der Leistung Ihrer Mannschaft?“
Anhand gewisser Zuckungen in seinem rechten Arm konnte ich feststellen, dass es nicht mehr lange dauern würde und der grün-weiße Freund und Helfer würde zum grün-weißen Feind und Mörder.
P1: „Sehen Sie bloß zu, dass Sie abhauen!“
Ich tat so, als könnte ich seine Wut nicht nachvollziehen, verabschiedete mich aber freundlich wie immer.
Ich: „Aber mit Vergnügen! Kann ich vielleicht sonst noch was für Sie tun? Vielleicht ein paar leicht beschädigte Kleinwagen unbescholtener Bürger anhalten?“
Doch der Polizist tat so, als wenn er nichts gehört hätte (er hat bestimmt einmal einen Rhetorik-Kurs belegt) und setzte sich gemeinsam mit seiner Kollegin wieder in den Streifenwagen.
Seufzend stand ich auf der Mitte der Straße, leichter Regen berührte mein Haupt und ich dachte melancholisch vor mich hin. Würde ich die beiden jemals wiedersehen?

(c) by Edgar B.