Rettungsaktion am Computer

Ich kann wahrlich von mir behaupten und möchte dies auch an dieser Stelle in meinem Tagebuch festhalten, dass ich kein Technikbegeisterter bin. Zwar besitze ich das notwendige technische Verständnis, um mit den Verarbeitungs- und Schreibprogrammen vernünftig umgehen oder auch hinreichend diverse Recherchen im Internet durchführen zu können, mehr aber auch nicht.
So bin ich meines Erachtens durchaus hinreichend in das moderne Zeitalter der Technik integriert, muss mir von meinen Kindern aber oft anhören, wie altmodisch ich doch sei, da mein Computer weder ein teures Markenprodukt ist, noch weitere Technikartikel, wie ein Tablet oder E-Reader in meinem Besitz sind.
In zahlreichen Diskussionen mit meinen Töchtern wurde ich somit oft genug darauf hingewiesen, mich doch endlich mal technisch zu bilden und modifizieren. Dieser Aspekt ließ mich oft grübeln, ob ich in eine neuwertige Anschaffung, sprich einen neuen PC, oder gar in einen PC- Kurs investieren sollte.
Diesen Gedanken schmiss ich vor einiger Zeit über Board, denn da wurde ich vollends in meiner Ansicht bestätigt, dass Technik mehr Unheil bringen kann, als die junge Generation wahrhaben möchte. Mein Kumpel Erik ist ein totaler PC-Freak, er hängt ständig vor der Kiste, weiß alles, redet ständig von seinem Viks Registrierungscode für seine Online-Spiele, chattet mit der ganzen Welt und schraubt in jeder freien Minute an dem Gerät, um es weiter zu optimieren. Das ist Erik. Ich bin das absolute Gegenteil.

Ich saß gerade auf dem Sofa und schmökerte in meiner neusten literarischen Anschaffung, als mein Haustelefon klingelte. Da dieses unendlich lange klingelte, wurde mir bewusst, dass dies nur ein Familienmitglied, die Töchter oder meine Frau, seien könnten, denn sie wussten, dass ich bei völliger Vertiefung, in einen Roman oder sonstige beruhigende Tätigkeit, nicht so schnell davon ablassen konnte. Als ich mich dann doch vom Sofa gehieft hatte, blubberte mir zugleich meine jüngste Tochter ins Ohr: „Hochzeit…“, „Autobahn…“, „Kreis“ und „Navi…“ waren einzelne Phrasen, die bei mir ankamen, da der Rest in lauten Hintergrundgeräuschen verebbte. Nach ewigem Nachfragen meinerseits, einer immer lauter werdenden und sich zu erklären versuchende Tochter war mir der Sachverhalt dann einigermaßen klar. Meine Tochter befand sich laut eigenen Angaben „Irgendwo im Nirgendwo“, war eigentlich auf den Weg zur Hochzeit ihrer Freundin nähe Leipzig, sollte seit Anderthalb Stunden dort sein und befand sich seit geraumer Zeit in Endlosschleife auf „irgend‘ ’ner Autobahn“ und das alles mit Navi oder besser gesagt TROTZ Navigationssystem.
Und nun war ich gefragt. Ich sollte sie nun aus dem Straßenwirrwarr retten und ein rechtzeitiges Ankommen ermöglichen.
Während ich mir ihren ungefähren Standpunkt anhand von Beschilderungen erläutern ließ, schwang ich mich an den PC, lautes Gekreische und Ermahnungen zur Schnelligkeit im rechten Ohr.
Mit dem Klick auf Google Maps, der Eingabe der Autobahn und einiger weiterer Klicks konnte ich den derzeitigen Fahrradius meiner Tochter verorten und charakterisieren.
Auch McDonalds, dass sie bereits mehrere Male umrundet hatte, erkannte ich auf der Onlinekarte. Das Problem war Folgendes: meine Tochter war strikt nach Navi gefahren, welches trotz Angehörigkeit zur modersten und allwissenden Technik scheinbar nicht wusste, dass die eigentlich zu nehmende Abfahrt gesperrt war, sodass meine Tochter eine andere Abfahrt nahm und dieser folgend immer wieder auf die Autobahn gelotst wurde. Kein Wunder, dass sich McDonalds „irgendwie mal links und recht“ von ihr befand. Wäre das fast weinende Geschrei in meinem Ohr nicht so verzeweifelt klingend gewesen, hätte ich garantiert laut gelacht.
So saß ich aber nun vor der Flimmerkiste, nippte an meinem Cappuccino und zoomte online hin und her, rauf und runter und lotste meine Tochter über zahlreiche Ortschaften hin zum Zielort. Dabei fühlte ich mich ja schon etwas allwissend und als Retter in der Not.
Und tatsächlich kam meine Tochter letztendlich noch pünktlich zur Hochzeit.

So erlebte ich eine dramatische Rettungsaktion am heimischen PC. Der Clou ist aber ein ganz Besonderer: ich predigte bereits am Telefon, wie nutzlos doch die Technik sei, wenn sie versagte und wie wertvoll doch ein geografisches Verständnis sei. Dies lies meine Tochter zwar noch wütender werden, brachte mir aber umso mehr Bestätigung, dass Technik eben nicht der Retter in jeder Situation ist!

Und die ganze Wahrheit weiß sie immer noch nicht. Ich erzählte nämöich nach ihrer Heimkunft, dass ich sie per altmodischer Landkarte aus der Buchhandlung gerettet hätte und diese scheinbar ja nun doch sinnvoller und erfahrener sei als „so’n olles Navi- Dings“. Zähneknirschend konnte meine Tochter mir nur Recht geben. Und das Ende der Geschicht: sie fährt nun immer mit Navi UND Landkarte durch die Gegend. Sicher ist Sicher!