Klassenfahrt

Es ist ein kühler Pfingst-Dienstagmorgen als das ganze Unheil mit dem Klingeln meines verhassten Weckers beginnt. Das verdammte Ding macht bereits um Viertel nach Vier Radau. Langsam schiebe ich mich über die Bettkante und stoße mir wie jeden Morgen den linken großen Zeh an dem gusseisernen Heizkörper der Marke Kruppstahl an.
Bei dem kläglichen Versuch auf einem Bein Richtung Küche zu springen, wobei ich in einen halbgetrockneten Kaugummi trete, ein paar Meter rutsche und mit Hilfe meines Gesichtes als Airbag an der geschlossenen Zimmertür zum Stehen komme, verstauche ich mir etliche Gelenke meines Körpers, die ich noch nicht einmal namentlich kenne.
Und warum das Ganze? Weil mein Klassenlehrer meinte, es sei nötig eine Klassenfahrt ausgerechnet nach England zu machen. Ist es denn verwunderlich, dass ich schlecht in den Tag starte, wenn mir dreizehn Stunden Busfahrt bevorstehen, die mich nach England führen?

Der Bus fährt pünktlich um fünf an der Schule ab.
Zunächst verläuft alles ungewöhnlich ruhig, doch dann macht sich Unruhe breit. Der dicke Ulrich muss wohl ein paar seiner berühmten gefürchteten Gase abgelassen haben. Ich werfe mich panisch kreischend auf den Boden des Busses und versuche unter der Wolke von Ulrich hindurch zu kriechen. Doch ich komme nicht weit, denn ein anderer Betroffener dieser Wolke des Todes bricht vor Anstrengung zu überleben erschöpft zusammen und kippt rücklings auf mich drauf. Man öffnet die Fenster und nach ein paar Minuten ist das Unheil überwunden und alle sind wieder bei Bewusstsein. Der Lehrer sinkt in einem Gefühl größter Souveränität, da er diese Katastrophe überwunden hat, in seinen Sitz zurück und bemerkt das nächste Unheil nicht. Denn in dem Sitz hinter mir hat es sich unser Klassentrommler bequem gemacht, seinen CD-Player und seine Drumsticks ausgepackt und angefangen, lustig auf meinem Kopf herumzutrommeln. Ich bitte ihn mehrmals höflich, doch aufzuhören. Doch als er auch nach dem zehnten Mal nicht aufhört, sehe ich mich als zivilisierter Mitteleuropäer gezwungen ihn mit einer Tafel Schokolade zu bestechen, was dann auch endlich Wirkung zeigt.
Ich widme mich fortan meiner Musik, denn es gibt nichts besseres, als sich von Metallica & Co die Ohren volldröhnen zu lassen. Doch schon bemerke ich, dass heut nicht mein Tag zu sein scheint, denn während ich mich meiner Musik widme, wirft mein Sitznachbar dem Mädchen, das vor mir sitzt einen Wurm auf ihr Sandwich. Ohne zu wissen, was los ist, sehe ich nur noch, wie mein Sitznachbar mit dem Finger auf mich zeigt und dass eine geballte Faust eines Mädchens auf mich zu fliegt. Ich muss wohl mehrere Stunden bewusstlos gewesen sein, denn als ich aufwache habe ich ein Zungenpiercing und zwei Tätowierungen, die mit einer Spritze und Tinte angefertigt wurden, wie mir mein Nachbar erzählt. Ich bemerke, dass meine Hose mit fremdem Urin getränkt ist und begebe mich zur Bustoilette. Dort realisiere ich, dass Ulrich wohl auf der Toilette gewesen sein muss, denn ich fühle mich sofort nachdem ich die Toilette betreten habe, als sei ich gegen eine Wand aus Beton gelaufen und die Toilettenschüssel ist bis zum Rand vollgeschissen. Bei diesem Anblick und Geruch falle ich erneut in Ohnmacht. Ich wache auf, sobald sich der beißende Geruch etwas gelegt hat und realisiere, dass sich der Bus im inneren der Fähre befindet, die uns rüber nach England bringt. Ich nutze die Gelegenheit, allein zu sein um ein paar Dinge zu erledigen.
Zunächst verschließe ich alle Fenster luftdicht mit Superkleber, dann fülle ich die übrig gebliebenen Würmer meines Nachbarn in die Ersatzhose des Mädchens vor mir und feuchte ihren Sitz reichlich mit Saft an, sodass er sich in einen kleinen Sumpf verwandelt, auf dem nur noch ein paar Enten fehlen würden. Als nächstes mische ich eine Mischung aus reichlich Abführmittel und ein paar Schlaftabletten in den Kaffee meines Lehrers und in Ulrichs Cola. Gleichzeitig lege ich mir ein feuchtes Handtuch in meinem Rucksack zurecht und mache ein kleines Feuerchen mit den Drumsticks des Trommlers.

Als die Anderen zurückkommen setze ich mich voller Vorfreude auf meinen Platz und kann es kaum noch abwarten. Die Tussi vor mir steht nach etwa fünf Minuten auf und geht mit ihrer Ersatzhose zur Toilette, da ihre normale Hose durch den Saft feucht geworden ist. Etwa eine Minute später kann man einen ohrenbetäubenden Schrei aus der Toilette vernehmen. Die Tussi kommt im Tanga zu mir gerannt und will schon auf mich losgehen, als ich auf meinen Nachbar zeige, der ehe er etwas merkt schon drei mal die Faust der Tussi im Gesicht hatte.
Nach etwa einer halben Stunde beginnt die Wirkung meines zweiten diabolischen Planes. Mein Lehrer und Ulrich schlafen ein wie die Babies und scheißen sich auch genauso unkontrolliert voll. Die Anderen versuchen verzweifelt die Fenster zu öffnen aber es geht nicht.
Es ist ein wunderbares Bild: Die meisten sind von dem diabolischen Gestank ohnmächtig, die anderen schlagen wütend auf Ulrich und den Lehrer ein, die Tussi jagt meinen Nachbarn durch den Bus und verprügelt ihn, der Trommler hält weinend die Asche seiner Drumsticks in den Händen und ich sitze da, sehe mir alles an und atme durch mein nasses Handtuch.

Der Rest der Busfahrt war sehr angenehm für mich.

(Vielen Dank an Oliver Wedermann für diesen Text)