Han-dy-lemma
Fünf Uhr
drei. Mitten in der Nacht. Hektisch kippe ich den letzten Schluck Kaffee hinunter,
schnappe meine gepackte Tasche und schleiche mich aus dem Haus. Die Stadtbahn
wird mich zum Bahnhof bringen, von wo aus ich mich dann auf den Weg zu meinem
mehrtägigen Seminar mache. Während ich strammen Schrittes zur Haltestelle
gehe, verrät mir ein kurzer Blick auf die Uhr, dass mein Zeitplan exakt
eingehalten wurde - keine Minute zu spät, jedoch auch Keine zu früh.
Leider! Denn als ich auf
dem Weg noch nach frisch erhaltenen SMS Ausschau halten will (als ob mir jemand
mitten in der Nacht eine solche schreiben sollte), offenbart mein Handy plötzlich
eine bislang unbekannte Verhaltensweise: es glänzt. Jedoch nicht durch
frisch aufgetragener Politurpaste sondern vielmehr durch blanke und gnadenlose
Abwesenheit! Ich fühle mich in meinem Schockzustand kurz wie gelähmt.
Was soll ich tun?
Variante eins: ich gehe
zurück, hole mein Handy, verpasse meine Bahn und komme mit dem nächsten
Anschluss grob geschätzte zwei Stunden zu spät.
Variante zwei: ich verbringe drei unbeschwerte Tage ohne portable Telefoniereinheit.
Mein Herz tendiert zu eins, mein Kopf zu Variante zwei. Nach kurzem und heftigem
Kampf gewinnt letztendlich der Kopf und mies gelaunt marschiere ich weiter.
Als ich in der Stadtbahn
sitze, wird mir das ganze Ausmaß meiner Misere bewusst: ich bin für
drei Tage nackt, unerreichbar, unwichtig, ohne Digicam, mp3-Player, Taschenrechner,
Terminkalender, E-Mail-Client, Spielekonsole und Wecker. Ein schwacher Trost:
auf den Euro-Umrechner und die Weltzeituhr kann ich in München getrost
verzichten.
Ich muss dringend meiner
Freundin Bescheid sagen. Was wird sie sonst denken, wenn ihre SMS unbeantwortet
bleiben und ich ihr nicht Bescheid gebe, dass ich gut angekommen bin?
Was ist, wenn mich meine Kollegen aufgrund dramatischer Ereignisse, welche die
ganze Existenz des Unternehmens gefährden, erreichen wollen und dringend
meine Expertise benötigen? Nicht, dass das jemals passiert und überhaupt
auch nur annährend realistisch wäre, aber man weiß ja nie...
Verliere ich nun Freundin
und Job, weil sich mein Handy auf der Kommode statt in meiner Hosentasche befindet?
Ich könnte ja einfach eine SMS schreiben... Ach Mist! Tausend weitere Eventualitäten
schießen mir durch den Kopf, eine beunruhigender als die andere.
Am Bahnhof angekommen freue
ich mich wie noch nie in meinem Leben zuvor über die Existenz eines Münzfernsprechers,
der von mir prompt dazu verwendet wird, meine Freundin aus dem Schlaf zu reißen
um ihr mitzuteilen, dass ich mein Handy vergessen habe. Etwas irritiert, was
ich ihr denn nun genau damit sagen will, nimmt sie den Sachverhalt mehr schlafend
als wach zur Kenntnis.
Nachdem ich dann noch einem
Kollegen die selbe Information auf dem Anrufbeantworter hinterlassen habe, bin
ich um einiges beruhigter. Für letzteres Telefonat benötige ich jedoch
drei Versuche, da sich das Nummergedächtnis der „Generation Telefonbuch",
zu deren Anhänger ich mich zähle, stark regressiv entwickelt.
Ich steige in meinen Zug
und beginne, mich über mich selbst zu amüsieren. Früher ging
es doch auch ohne Handy. Früher gab es beispielsweise auch kein google
und dennoch hat man es meistens geschafft, die unwichtigen Fragen des Alltags
beantwortet zu bekommen, auch wenn ich heute nicht mehr genau weiß, wie.
Zugegeben: ganz früher ging es auch ohne Feuer, das Rad und den aufrechten
Gang und trotzdem will man all das heute nicht mehr missen.
Dennoch wächst proportional
zur Entfernung von zu Hause meine feste Überzeugung, dass ich drei Tage
vor mir habe, die mir gut tun werden und an denen es mir an nichts fehlt - Handy
hin oder her. Es wird die befreiende Telefon-Askese, eine strahlenfreie Reise
ins Ich. Die telefonierenden Menschen um mich herum tun mir auf einmal nur noch
leid. Wie gerne würde ich in diesem Moment meine frisch gewonnenen Erkenntnisse
mit ihnen teilen!
Mir geht es so richtig gut
und als ich letztendlich total entspannt am Ziel ankomme, bleibt bis Seminarbeginn
noch ein klein wenig Zeit. Ich glaube, die nutze ich, um mir ein billiges Prepaid-Handy
zu besorgen. Einfach nur so, zur Sicherheit....
Mit
freundlicher Genehmigung von R.
Krauleidis
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