Fuchsjagd

Während ich diesen Text schreibe, ist es nachts um halb zwei. Seit einer halben Stunde bin ich Persona non grata – ich werde die nächsten sechs Monate nur noch mit Sonnenbrille vor die Tür gehen. Oder mit Schleier. Vielleicht ziehe ich auch ganz um. Und alles wegen des verdammten Fuchses…
Ich ging mit Kira nochmal runter, zum üblichen Zubettgeh-Gassi. Während mein Hund gegenüber beim Nachbarn unter dem Balkon sich anschickte, ihre Geschäfte zu erledigen (immer dort, weil, der Nachbar hat einen Bewegungsmelder; und das ist der einzige Platz, wo sie nachts Licht auf dem Klo hat…), stand ich unter dem blütenübersäten Baum, sah durch die Zweige in die Sterne und genoß die laue Frühlingsluft. Bis, ja, bis fast vor meinen Füßen ein stattlicher, sichtlich verträumter Fuchs langmarschierte, der mich offensichtlich noch nicht erspäht hatte. Ich erstarrte kurz, drehte mich langsam zu meinem Hund um und betete, sie möge den ungebetenen Gast nicht bemerken, bevor ich bei ihr sei. Oh Hoffnung, Du bist noch trügerischer, als die Männer!! Der blöde Fuchs war schneller – er rannte bei der ersten Bewegung meinerseits los, Kira fast vor die Nase; machte, seinen Fauxpas bemerkend, auf dem Absatz kehrt und schoß in die andere Richtung. Der Hund natürlich hinterher.

Was tut nun ein hundeschulegestählter, hintergrundwissenbewanderter Hundebesitzer in so einem Moment? Klar, er stößt den wirksamen Rückholpfiff aus, läuft, den Fuchs ignorierend, in die andere Richtung, und ruft den Hund KEINESFALLS beim Namen. Zumindest in der Theorie. In der Praxis hatte ich das Rechenzentrum um die Uhrzeit wohl schon runtergefahren; und das einzige, was mir einfiel, war, aus vollem Halse „KIRA!!!“ zu brüllen. In den Häusern gingen die ersten Lichter an. Kira, solchermaßen angestachelt, brach promt in aufgeregtes Jagdbellen aus, welches auch sofort von sämtliches Hunden in der Nachbarschaft eifrigst beantwortet wurde. Mein „Kira“-Geschrei hatte zumindest den Erfolg, daß auch die letzten Nachbarn wußten, wer für den Höllenlärm verantwortlich war, der wenige Sekunden später losging, als der Fuchs auf seiner wilden Flucht die Tonnen mit dem Altglas rammte.
Ich sah gerade noch, wie die gehbehinderte ältere Dame von nebenan sich mitsammt ihren Krücken durch einen Sprung in die Büsche rettete, als die wilde Jagd vorbeiflog – dann waren die Viecher weg. Ehrlich, was macht eine alte Frau um die Uhrzeit auch noch vor der Tür?? Ich verbarg mich pflichtschuldigst hinter dem Blütenbaum und war einigermaßen erleichtert, als ich sie – empört, aber unverletzt – wieder aus der Hecke kriechen sah.
Sobald sie im Haus verschwunden war, machte ich mich auf die Suche nach meinem Hund, angefeuert von wütenden Gestalten im Schlafrock, die auf den Balkonen und in den Schlafzimmerfenstern lehnten und mir Schmähungen nachriefen.
Ich fand Kira 500 Meter weiter, sichtlich erschöpft, die Zunge am Boden. Nach einer halben Stunde, die ich auf der Schaukel des Kinderspielplatzes verbrachte, schaffte ich sie auf Schleichwegen wieder ins Haus.
Den blöden Fuchs hat sie nicht gekriegt. Und ich muß morgen ganz früh los, um mir eine Sonnenbrille zu kaufen…

Vielen Dank an Kerstin für diesen Text!