Ein Exkurs in die Kreuzchenlehre

Wahljahre sind immer schöne Jahre. Man hat die Gelegenheit, den alten Mist zu beseitigen und neuen zur Führung zu legitimieren. Es darf offiziell gekreuzigt werden und das auch noch zweimal in einem Lokal! Nur Genussmittel sind in diesem nicht erlaubt, aber auf die wird man nach diesem Lehrgang auch gerne verzichten. Denn Kreuzchen machen ist ein Genuss auf höchster Sinnesebene …
Um eines im Voraus zu sagen: die Unsicherheit vieler Menschen ist verständlich, wenn sie vor dem Wahlbogen stehen! Es gilt Entscheidungen zu treffen, etwas zu wählen. Allein der Farbe des Stiftes muss Beachtung geschenkt werden – erlaubt ist nämlich nicht alles, aber dafür ist auch vieles möglich! Da der Stift vor dem Kreuz kam (und nicht wie das Ei vor dem Huhn), heißt auch unser erstes Kapitel:

Die Farbe des Stiftes

Ausschlaggebend bei der Wahl der Stiftfarbe ist natürlich die Partei, die man wählen möchte. Mit der Stiftfarbe wird eine gewisse Grundstimmung ausgedrückt, wer kennt das nicht: ist man traurig, trägt man dunkel, ist man fröhlich, dann hell. So ist der SPD das Rot inhärent, der CDU das Schwarz, den Grünen das … ähm … Grün! und der FDP das Gelb.

Generell muss gesagt werden: keine falsche Scheu! Farben dürfen benutzt werden! Sie erleichtern den Wahlhelfern ihre Arbeit – das Auszählen geht flinker von der Hand, der Alltag wird fröhlicher, Farben ermuntern das Gemüt.

Das Kreuz

Endlich ist es soweit, das erste Kreuz zu setzen. Ein Höhepunkt. Das Kribbeln zwischen Daumen und Zeigefinger sich entlädt in purem Führungsgenuss. Der Stift eine Verlängerung, bringt die politische Einstellung kurz und knapp auf den Wahlbogen. Das Auge derweil versinkt in froher Farbe, die sich über das Weiß des zu 100 Prozent chlorfrei gebleichten Papiers verteilt.

Aber stopp! Kein Kreuzchen vor dem Kurs! Viel kann wieder falsch gemacht werden und nur ein ehrliches Kreuz ist ein gutes Kreuz. Zu unterscheiden gibt es folgende Typen:

Gute Kreuzchen sind:

a) Kreuz „DIN-08/15“
Wohlgeformt, hübsch und eingedeutscht ist der Kreuzchen-Import aus den USA von 1949. Es handelt sich hierbei um zwei sich exakt in der Mitte schneidenden Linien, beide gleich lang, im rechten Winkel zueinander stehend und gedreht um 45 Grad. (Quasi ein X). Jede Linie nicht länger als 1 cm und nicht kürzer als 5 mm.

b) Kreuz „Schnell und gut“
Gleicher Aufbau wie „DIN-08/15“, nur bestehen hier mehr Freiheiten. Exakte Einhaltung der 45-Grad-Ausrichtung ist nicht erforderlich, es dürfen auch gerne 44 oder 46 Grad sein. Auch müssen sich die Linien nicht exak in der Mitte treffen und es muss sich auch keine Normale bilden. Dieses Kreuz ist Standard und sollte von jeder guten Wählerhand beherrscht werden.

Falsche Kreuzchen, oder eher: Jäger im Wolfspelz sind folgende:

c) Kreuz „Peace!“
Speziell Menschen, die Grün als Stiftfarbe wählten, neigen dazu, auch in ihrem Kreuz Zeichen zu setzen. Das drückt sich in einem umgedrehten Y (Mercedes-Stern) mit Verlängerung der senkrechten Mittellinie nach unten hin aus. Aber: Das ist kein Kreuz!

d) Kreuz „Kreuz“
Reiche Spender mit Hang zur Steuerhinterziehung wählen gerne ein Kreuz, bestehend aus Y- und X-Achse, wobei die X-Achse unterhalb des oberen Drittels der Y-Achse ansetzt. Nicht verstanden? Wir sprechen von einem gewöhnlichen Kirchenkreuz. Das gibt Anhängern einer großen Volkspartei einen christlichen Kick bei ihrer Stimmabgabe. Fragen Sie nicht! Aber: das ist kein gutes Kreuz!

e) Kreuz „Häkchen“
Viele Wähler machen einfach Häkchen (bestehend aus zwei Strichen, wobei der linke kürzer als der rechte. Beide 45 Grad nach oben in entgegengesetzte Richtung ausgrichtet, sich treffend in der Mitte unten). Das ist falsch! Häkchen nix gut! Das sein gutes Kreuz: X. Auch zwei Striche, aber sich überKREUZend. Wieso das verdeutlicht werden muss: alles andere verwirrt Wahlhelfer – zumeist noch Schüler oder pensionierte Menschen (also generell: Obacht!). Somit: das ist kein Kreuz!

Generell noch ein wichtiger Hinweis: ein Wahlbogen ist kein Multiple-Choice-Test! Auch wenn Manipulation am Volk vor der Wahl durch eingehende Propaganda stattfand, so sollen die gemachten Kreuzchen aus Überzeugung geschehen und nicht, weil das Setzen derer Freude bereitet. Zugegeben: verlockend ist es schon, mal so richtig fett zu kreuzigen, zumal ja soviele Kästchen frei sind. Wer seinem Trieb freien Lauf lassen möchte kann auf seine Stimme natürlich verzichten und die Mine rauchen lassen.


Wahl über Knopfdruck

Die Technik wuselt überall, sucht sich Wege, findet Wege und macht auch vor der traditionellen Wahl nicht halt. Das ist traurig aber Fakt! Die komplette Kreuzchenlehre wird dadurch in Frage gestellt, mehr noch: macht sie überflüssig (Sie sind ihrer übertrüssig? Sie Gnom!). Das ist traurig, aber rasten Sie vor Ort nicht aus, vermeiden Sie einen Infarkt! Das Rote Kreuz ist auf solchen Veranstaltungen generell nicht präsent, und Sie möchten das Lokal schließlich nicht in einer Urne verlassen … (nein, nicht in der Wahlurne!)